Pressemeldung: „Das Leben wollte, dass es so nicht weitergeht“
- Thomas Büttner

- 24. Sept. 2025
- 5 Min. Lesezeit

Thomas Büttner spielte Fußball in der Junioren-Bundesliga und kochte in einigen der besten Restaurants der Welt. Leistungsdruck war für ihn Alltag – bis ein Unfall alles veränderte. Über einen Mann, der durch seine Leidenschaft und die Natur wieder zurück ins Leben gefunden hat.
Pirna. Thomas Büttner drapiert Blumen in einer Holzschale. Es müsse ja schließlich auch ein bisschen schön sein beim Kochen. Büttner kniet in einem Waldstück südlich von Pirna, gut zehn Autominuten von der tschechischen Grenze entfernt. Die gelben und pinken Blüten leuchten inmitten der moosbedeckten Steine. Er zündet ein Schwedenfeuer an, also ein Feuer in einem kleinen, eingeschnittenen Baumstamm. Direkt daneben rauscht ein Bach vorbei, die Bahra. „Das fühlt sich hier einfach leicht an“, sagt der 42-Jährige. „Leicht ist ein wichtiges Wort.“
Um zu verstehen, was Thomas Büttner damit meint, muss man seine Geschichte erzählen. Nicht ganz von vorn, aber ab der zehnten Klasse. Sie beginnt nicht im Wald, sondern auf dem Fußballplatz. Der damalige FV Dresden-Nord entdeckt Büttner, einen talentierten Stürmer aus Kamenz. Er wechselt ans Internat nach Dresden und spielt fortan in der Junioren-Bundesliga. Jeder, der es dorthin schafft, darf sich zumindest Hoffnungen auf die große Karriere machen.
Ausbildung zum Koch in Dresden
Büttner macht seinen Oberschulabschluss, fängt dann parallel zum Fußball eine Lehre an, als Koch im Brauhaus am Waldschlösschen in Dresden – damals Sponsor des FV Dresden-Nord. Auf dem Platz wird schnell klar, dass es mit der großen Karriere nichts wird. Büttner plagen immer wieder Verletzungen. Ein Schicksal, das viele ereilt, die von großen Stadien träumten, von Ruhm, vielleicht von der Champions League.
Doch in der Küche flammt Büttners zweite Leidenschaft auf. Und zwar so sehr, dass er nach abgeschlossener Lehre und nachgeholtem Fachabitur für seinen Beruf ins Ausland möchte. Zunächst geht er in die Schweiz, arbeitet dort für drei Monate als Koch in einem Skigebiet. „Die beste Zeit meines Lebens“, sagt er heute. Von dort aus bewirbt er sich in England.
Angekommen in den besten Restaurants der Welt
Und bekommt die Zusage – vom „Waterside Inn“, einem Restaurant westlich von London. Französische Küche, drei Michelin-Sterne, eines der besten Restaurants der Welt. „Ich war jung, hatte erst wenige Monate richtige Berufserfahrung“, sagt er. „Aber scheiß drauf.“ Er wagt den Schritt nach England und beweist sich dort, lernt viel – trotz anfänglicher Sprachbarriere. Nach zwei Jahren zieht er weiter.
Und zwar nach Kalifornien. Dort fängt er in der „French Laundry“ an. Wieder drei Michelin-Sterne, wieder eines der besten Restaurants der Welt. Büttner ist einer von nur zwei Europäern, die jährlich die Chance bekommen, dort zu arbeiten. Innerhalb eines Jahres steigt er in der Küchenhierarchie auf. Bekommt ein Gericht auf der Karte zugeteilt, für das er alleinverantwortlich ist.

Mit Anfang 20 ist Thomas Büttner ganz oben angekommen. Auf einmal spielt er doch in der Champions League. „Das waren die Besten der Besten, eine eigene Liga im Kochbereich“, sagt Büttner.
Ein schwerer Fahrrad-Unfall verändert alles
Doch damit steigt auch die Last, die auf ihm liegt. Hat ihm sein Beruf wenige Jahre zuvor noch die schönste Zeit seines Lebens beschert, sei es nun eine der härtesten gewesen. 13-Stunden-Tage, Leben für die Arbeit, extremer Leistungsdruck. „Ich war am Ende meiner Kräfte“, sagt Büttner. Doch er will die anderthalb Jahre in Kalifornien durchziehen, so lange geht sein Visum. Er ist fest entschlossen. Zum stressigen Alltag in der Küche kommt das Leben in einem fremden Land. Er kann nur schwer im Alltag abschalten. Vor Ort ist er häufig mit dem Rad unterwegs. Bis zum 12. Juli 2007.
Ich habe das irgendwie relativ entspannt gesehen, als wäre ich umgeknickt oder hätte mir die Schulter ausgekugelt.
Thomas Büttnerwar inkomplett querschnitsgelähmt
„Ich weiß bis heute nicht genau, was passiert ist“, sagt Büttner. Auf gerader Strecke stürzt er mit dem Fahrrad. „Da war kein Auto, kein Tier, nichts. Das war einfach mein Fehler“, sagt Büttner. Zu schnell gefahren sei er nicht, das wisse er. Dennoch verliert er die Kontrolle, fällt über den Lenker und landet auf dem Kopf.
„Schau mal, wie schön das jetzt brennt“, sagt Büttner und deutet auf das kleine Schwedenfeuer, das er im Wald angezündet hat. Er unterbricht ihn kurz, den Gedanken an den Tag, der sein Leben verändert hat. „Na ja“, sagt er dann und erzählt weiter.
Büttner staucht sich bei dem Unfall die Wirbelsäule. Diagnose: inkomplette Querschnittslähmung. Das bedeutet, dass das Rückenmark nur teilweise verletzt ist. Von der Brust abwärts kann er sich nicht mehr bewegen. Im Krankenhaus stabilisieren die Ärzte seine Wirbelsäule mit acht Schrauben. Ob er jemals wieder laufen kann, das kann ihm zu dem Zeitpunkt niemand sagen.
Von der Sterneküche in die Kantine
„Ich glaube, ich habe damals erstmal gar nicht so richtig mitgekriegt, was da mit mir passiert ist“, sagt er. Was Querschnitt auf Englisch bedeutet, weiß er heute noch nicht. „Ich habe das irgendwie relativ entspannt gesehen, als wäre ich umgeknickt oder hätte mir die Schulter ausgekugelt.“ Gedanken an ein Leben im Rollstuhl, die seien ihm gar nicht gekommen, sagt er heute.
Und tatsächlich: Nach etwas über einer Woche zuckt sein rechter Oberschenkelmuskel. Es kommen immer neue, kleine Bewegungen dazu. Büttner wird nach Deutschland geflogen. In der Uniklinik Dresden entscheiden sich die Ärzte, ihn noch einmal zu operieren. Für ihn ein Rückschlag auf dem Weg der Genesung. Doch in den Monaten danach geht es in der Reha bergauf. Schon nach drei Monaten kann Thomas Büttner wieder Fahrrad fahren. Das Laufen lernt er neu.
Schon bald kocht er wieder in der Sterneküche, zunächst in Österreich, dann im Dresdner Bülow Palais. Doch Büttner merkt, dass sein Körper nicht mehr mitmacht. Durch lange Schichten kommt er nicht mehr ohne Schmerzen, die Beine sind schwer.
Büttner wechselt in die Kantine, wird Küchenleiter bei einem Catering-Unternehmen. Doch das Motto „höher, schneller, weiter“ gilt für ihn immer noch. Er steigt bis zum Betriebsleiter auf. Viel Verantwortung, viel Druck – wieder einmal. Bis vor drei Jahren gar nichts mehr geht. Die schwere Diagnose diesmal: Burnout.
Büttner zeigt „Nature Cooking“ auf Instagram
Büttner macht eine Kur. Zusätzlich geben ihm seine Lebensgefährtin und sein kleiner Sohn Kraft. Und ein altes Hobby. Er geht Angeln, so wie er es als Kind schon mit seinem Vater tat. „Ich habe dann bewusst wahrgenommen, wie gut mir das tut, wie viel Ruhe mir das gegeben hat“, sagt Büttner. Er übernachtet in der Natur. Statt Dosen-Ravioli aufzuwärmen, bereitet er die gefangenen Fische zu. Nach und nach kocht er ganze Gerichte.
„Und wenn die Pfanne erst fünf Minuten später heiß wird, weil das Feuer nicht angeht, steht mir kein Küchenchef im Rücken“, sagt er. „Nature Cooking“ nennt er das – sein Baby, wie er sagt. Aus dem Ausgleich wird ein Projekt. Büttner zeigt mittlerweile auf Instagram seine Koch-Aktionen in der Natur, ist auf Märkten vertreten und bietet Kochkurse und Team-Events an. Die Zutaten bezieht er aus der Region, Teller und Besteck sind aus Holz. Statt Leistungsdruck und Perfektion stehen Achtsamkeit und Ruhe im Fokus.
So wie im Wald bei Pirna. Da, wo sich die Dinge für Thomas Büttner so leicht anfühlen. Die Sterneküche bezeichnet er mittlerweile als „Scheinwelt“. Als etwas, das ihn zwar kurzzeitig erfüllt, aber auf Dauer nicht glücklich, sondern kaputt gemacht hat. Seinen schweren Unfall versteht er heute als Warnsignal, das er jahrelang ignoriert hat. „Das Leben wollte mir damals einfach zeigen, dass es so nicht weitergeht“, sagt Büttner.
Ein Beitrag von Julian Hölscher (SZ).





Kommentare